Argumentarium

Hinsichtlich eines Argumentariums zum Thema landwirtschaftlichen Biomasse-/Bioenergie­erzeugung sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

Pro:

  • Durch die Eigenversorgung mit Energie können landwirtschaftliche Betriebe eine (zumindest teilweise) Unabhängigkeit von Energieversorgern bzw. Energiepreis­schwankungen erzielen. Dies kann auf Betriebsebene einen Wettbewerbsvorteil und aus gesamtwirtschaftlicher Sicht einen stabilisierenden Faktor darstellen.
  • Durch die „Weiterverarbeitung“ landwirtschaftlicher Erzeugnisse in Form einer energetischen Nutzung können zusätzliche Wertschöpfungseffekte in der Landwirtschaft generiert werden.
  • Die Nutzung landwirtschaftlicher Ressourcen inländischer Herkunft stellt einen Beitrag zur Erhöhung der Versorgungssicherheit und Reduktion der Import­abhängigkeit dar.
  • Die Schaffung dezentraler Stromversorgungssysteme bietet den Vorteil reduzierter Übertragungsverluste und kann zu Netzentlastungen bzw. zu einer Verringerung der benötigten Übertragungs­kapazitäten führen.
  • Die Forcierung landwirtschaftlicher Energieerzeugung kann zur Entwicklung bzw. Wiederbelebung des ländlichen Raumes beitragen und daher als Maßnahme zur ländlichen Entwicklung gesehen werden.
  • Die energetische Nutzung „überschüssiger“ Biomasse kann zumindest in manchen Regionen als Maßnahme zur Landschaftspflege betrachtet werden. Dies gilt insbesondere für die Nutzung von Grünland.
  • Die landwirtschaftliche Biomasse-/Bioenergieerzeugung kann eine Diversifizierung der Einkommensquellen im ländlichen Raum, und damit eine Absicherung gegen Schwankungen von Weltmarktpreisen bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen darstellen.
  • Durch die Schaffung von zusätzlichen Einkommensquellen kann die landwirt­schaftliche Biomasseproduktion den Erhalt der landwirtschaftlichen Nutzung gegenüber einer Verwaldung unterstützen (wobei die Wirtschaftlichkeit von forstlicher Biomasseproduktion mitunter betriebswirtschaftlich sinnvoller sein kann).
  • Biogene Energieträger aus Ackerfrüchten stellen derzeit (mit Ausnahme von Kraftstoffen aus Abfällen und Reststoffen, deren Potenziale recht beschränkt ist) die einzige Möglichkeit zur Erhöhung der Anteils erneuerbarer Energieträger im motorisierten Individualverkehr unter Beibehaltung der Infrastruktur des Fahrzeugbestandes dar. Dazu ist jedoch zu sagen, dass zukunftsträchtige verkehrspolitische Ansätze kaum darin bestehen können, derzeitige Strukturen aufrechtzuerhalten. Vielmehr sollten in ganzheitlichen Ansätzen auch Aspekte wie Raumplanung, modal shift und Möglichkeiten alternativer Antriebskonzepte berücksichtigt werden.
  • In Jahren mit hohen Erntemengen kann die energetische Nutzung marktentlastend wirken, sofern eine entsprechende Flexibilität bei der energetischen Nutzung (z.B. Überkapazitäten zur Kraftstoffproduktion) gegeben ist.

 

Contra:

  • Die Förderung landwirtschaftlicher Biomasseerzeugung führt zu einer zusätzlichen Konkurrenz um beschränkte Flächen, sofern nicht ausschließlich die Nutzung von Nebenprodukten, Reststoffen, Zwischenfrüchten u.ä. gefördert wird (siehe unten).
  • Zur Energieerzeugung sind Investitionen erforderlich, die für den Betreiber mit finanziellen Risiken verbunden sind sein können, vor allem wenn wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen stark schwanken bzw. wechseln.
  • Viele Nutzungspfade landwirtschaftlicher Biomasse (z.B. biogene Kraftstoffe, Stromerzeugung mit Biogas) weisen derzeit einen im Vergleich zu anderen erneuerbaren Technologien hohen Förderbedarf auf. Hinsichtlich der starken Abhängigkeit von Rohstoffpreisen, der Kopplung an Weltmarktpreise und dem Energie- und Düngerbedarf bei der Produktion stellt sich die Frage, ob insbesondere längerfristig andere, rohstoffunabhängige Technologien zur Erzeugung erneuerbarer Energie nicht aussichtsreichere Optionen darstellen.
  • Des Weiteren stellt sich die Frage, ob die positiven Effekte die zum Teil hohen Förderkosten rechtfertigen. Die Kosten der Treibhausgaseinsparung sind insbesondere bei den meisten biogenen Kraftstoffen im Vergleich zu anderen erneuerbaren Technologien sehr hoch.
  • Bei entsprechender Förderung der Biomasseproduktion ist mit einer Zunahme der Bewirtschaftungsintensität zu rechnen, die mitunter den Zielen des ÖPUL entgegen­wirken kann.

 

Wie ist die Problematik der Flächenkonkurrenz zu beurteilen? Ist die „Food vs. Fuel-Debatte“ gerechtfertigt?

Wenn auch die landwirtschaftliche Produktion in Österreich von vernachlässigbarer Bedeutung für die globale Nahrungsmittelversorgung ist, stellt sich dennoch die (insbesondere aus ethischen Gründen ernst zu nehmende) Frage, wie sich eine globale Ausweitung der Energiepflanzenproduktion auf die weltweite Ernährungssicherheit auswirkt.

Dass eine verstärkte Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen mitunter preissteigernde Effekte bei Lebensmitteln zur Folge haben kann, ist nicht von der Hand zu weisen. Laut Schmidhuber (2007) kommt es dadurch auch zu einer verstärkten Kopplung zwischen Agrar- und Energiepreisen, was zur Folge hat, dass in Zeiten steigender Energiepreise die Preise für Nahrungsmittel mitziehen. Doornbosch et al. (2007) argumentieren ebenfalls, dass die energetische Nutzung landwirtschaftlicher Erzeugnisse zu höheren Preisen führen, und eine Verschärfung der „Food vs. Fuel“-Problematik zur Folge haben kann. Fischer et al. (2009) betonen, dass steigende Preise für Nahrungsmittel gravierende Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit haben, und dieser Aspekt in energiepolitischen Zielsetzungen zu berücksichtigen ist.

Laut Baffes et Haniotis (2010) gibt es Anzeichen dafür, dass die Preiskopplung zwischen Energie- und anderen Rohstoffmärkten in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat, wobei der beobachtete Effekt bei Nahrungsmittelpreisen geringer ist als bei anderen Rohstoffen. Allerdings argumentieren sie auch, dass der drastische Preisanstieg bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen, der zwischen 2006 und 2008 zu beobachten war, nur in relativ geringem Ausmaß auf die zunehmende Produktion biogener Kraftstoffe, sondern in erster Linie auf andere Einflussfaktoren zurückzuführen ist.

Für den Agrarsektor stellen steigende Weltmarktpreise bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen zweifellos einen positiven Effekt dar, von dem auch Landwirte in Entwicklungsländern profitieren könnten. Nichtsdestotrotz sind im globalen Kontext steigende Nahrungsmittelpreise äußerst kritisch zu sehen, da Haushalte, die bereits jetzt einen Großteil ihres Einkommens für Nahrung aufwenden, davon am schwersten betroffen wären. Schmidhuber argumentiert, dass steigende Energie- und Agrarpreise für jedes Land spezifische Nettoeffekte hervorbringen, je nachdem ob die Nettoimporte bei Energie und Agrarprodukten positiv oder negativ sind. Laut Schmidhuber wären die „Ärmsten der Armen“ am schwersten betroffen, da sie weder von Energie-, noch von Agrarexporten profitieren können.

Es ist jedoch zu erwähnen, dass die Auswirkungen einer zunehmenden Nachfrage nach Energiepflanzen in den oben genannten Studien im Wesentlichen unter der Annahme derzeitiger Rahmenbedingungen bzw. von Business-As-Usual-Szenarien analysiert werden. Manche Aspekte und Einflussfaktoren, die in einem langfristig-entwicklungspolitischen Kontext nicht notwendigerweise als gegeben hingenommen werden müssen, sind in diesen Analysen nur beschränkt bzw. nicht berücksichtigt. So beispielsweise die Tatsache, dass Nahrungsmittelknappheit in manchen Weltregionen eher auf eine Verteilungsproblematik als unzureichende Produktion bzw. Potenziale zurückzuführen ist. Des Weiteren könnte durch Änderungen der Ernährungsgewohnheiten in den Industrieländern der zur Nahrungsmittelproduktion benötigte Flächenbedarf drastisch reduziert werden.